Kindheit hinter Stacheldraht

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Felicitas

Im Sommer 1945 wurde meine Mutter, sie war gerade dabei, meinen ein Jahr alten Bruder zu baden, von der deutschen Hilfspolizei verhaftet. Zunächst glaubte sie noch, man wollte sie über den Verbleib ihres untergetauchten Ehemannes befragen. Schnell wurde ihr dieser Irrtum jedoch klar. Sie wurde an die sowjetischen Militärbehörden übergeben, die sie umgehend in das Speziallager Nr. 7, Sachsenhausen einwiesen. Eine Anklage wurde nie erhoben, Prozessakten wurden nicht angelegt.

Nur wenig hat sie später über diese Zeit erzählt: von ständigem Hunger, von den engen Baracken, in die mehr als 200 Frauen eingepfercht waren, von den eiskalten Wintern ohne Decken und Matratzen, dem oft stundenlangen Appellstehen bei jedem Wetter, den vielen Toten - und den Vergewaltigungen. Ohne ein Wort, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, habe sich das Wachpersonal der Reihe nach über ins Dienstzimmer vorgeladene Frauen hergemacht. Viele Frauen, die auf diese Weise schwanger wurden, wollten abtreiben. Das war verboten und ohne Hilfsmittel schwer möglich, doch die Frauen versuchten es immer wieder.  Bisweilen  löste aber auch die angelnde Ernährung das Problem von selbst.
Auch meine Mutter wurde schwanger. Sie lernte Viktor Samsonowitsch Kudassow kennen, selbst Häftling und laut Unterlagen stellvertretender Leiter der Schusterei und beide verliebten sich ineinander. Sie erzählten sich viel voneinander. Später schilderte sie mir den Vater als einen großen, kräftigen Menschen mit braunen Augen und voller Zärtlichkeit.  Er wurde 1914 in Saratow geboren und hat dort als Friseur gearbeitet. Im September 1941 geriet er bei Lubny (Weißrussland) in deutsche Kriegsgefangenschaft und saß in Deutschland in Kriegsgefangenenlagern ein. Im April 1945 wurde er durch die alliierten Truppen befreit und in Sachsenhausen inhaftiert. Nicht weil er ein Verbrechen begangen hat, in den Unterlagen der Archivakte der Sonderprüfung gibt es keine Angaben über eine Vorstrafe, wie man mir später mitgeteilt hat. Er wurde inhaftiert, weil er in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten ist und somit ein Vaterlandsverräter war.
Am 29. Juni 1948 kam ich dann zur Welt, die Geburt verlief recht unkompliziert. Nach einigen Tagen im Krankenrevier kamen meine Mutter und ich in eine der beiden Mutter-Kind-Baracken. Als Bett für Felicitas wurde ihr eine Holzkiste zugewiesen, die meist unbenutzt blieb. Meine Mutter konnte ihre mich nur kurz stillen. Sie bekam eine Brustdrüsenentzündung und war auf das angewiesen, was die Lagerverwaltung zur Verfügung stellte. Mein Vater besuchte uns fast jeden Tag, obwohl das für ihn sehr gefährlich war. Acht Wochen später wurde in er die UdSSR deportiert und ab hier verliert sich seine Spur.

Mit einem Jahr erlitt ich im Lager  einen Herzkollaps. Von einer Minute zur anderen wurde ich blau im Gesicht. Man brachte mich ins Krankenrevier, wo ich eine Woche zur Beobachtung blieb. In dieser Zeit durfte meine Mutter mich nicht besuchen. Heimlich schlich sie abends immer wieder um das Krankenrevier herum und sah durch das Barackenfenster nach mir. Im Lager war keine richtige Untersuchung möglich und ich wurde ohne Befund wieder entlassen. Mit drei Jahren erkrankte ich noch einmal an einer Herzmuskelentzündung. Später, in Freiheit, war ich für lange Zeit von anstrengenden Tätigkeiten und dem Sportunterricht in der Schule befreit.
Nach fünf Jahren Haft kam für meine Mutter und mich plötzlich und unerwartet die Entlassung. Von einem Tag zum nächsten erklärte man ihr, dass sie frei sei und nach Hause gehen könne. Warum sie all die Jahre eingesperrt war, hat ihr niemand erklärt. Sie litt unter dem Trauma der Haftzeit und dem Verlust etlicher Zähne, bedingt durch die mangelhafte Ernährung. Nur schwer gelang ihr der Aufbau einer Beziehung zu meinem inzwischen fast sechs Jahre alten Bruder. Bei der Trennung war er noch nicht einmal ein Jahr alt gewesen, und nun stand da eine ihm völlig fremde Frau, die ihm sagte, dass sie seine Mutter sei.
Meine Mutter starb 1985 im Alter von 72 Jahren. Ich lebe noch immer in Berlin und bin inzwischen selbst Mutter von vier Kindern und Großmutter.

 

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© by Alex Latotzky 2007