Christa-Maria Kirchner
Mein Mann und ich heirateten im Dezember 1945 in Berlin, froh, den Krieg und
die Vertreibung aus Schlesien überstanden zu haben. Mein Mann war
Journalist, wir wohnten in Berlin-Friedenau. Am 14. April 1946 wurden
wir auf einer Reise nach Dresden von den Russen verhaftet und kamen in
einen GPU-Keller in Berlin. Mein Mann wurde jeden Tag von den Bewachern
geprügelt, er sollte Spionage und antisowjetische Propaganda gestehen.
Ich musste alles täglich in meiner Zelle mit anhören. Dann brachte man
mich nach Hohenschönhausen und später in einer großen Gruppe
Internierter nach Sachsenhausen. Inzwischen wusste ich, dass ich
schwanger war. In Sachsenhausen traf ich die ersten Mütter mit ihren
Kindern, die in einem kleinen Zimmer in einer Baracke lebten.
Irgendwann im August - wir hatten ja keine Kalender und daher auch
keine genaue Zeitrechnung - wurde ich in das Gefängnis Lichtenberg
gebracht, wo die Verurteilung meines Mannes zu 20 Jahren Zwangsarbeit
wegen "Spionage und antisowjetischer Propaganda" stattfand, die mein
Mann aber nie begangen hatte. Bei dieser Verhandlung sahen wir uns
erstmals nach Monaten wieder, durften aber nicht miteinander sprechen,
und mein Mann merkte mir auch nicht an, dass unser Kind unterwegs war.
In eine Zelle zurück gebracht, konnte ich immer nur im Kreis denken:
"20 Jahre! Dann ist er 45, ich 41 und unser Kind 20 Jahre alt! Wenn wir
drei das überhaupt erleben werden!" Ich kam wieder nach Sachsenhausen,
mein Mann nach Torgau und später nach Bautzen ins "Gelbe Elend." Wir
sahen uns erst nach zehn Jahren wieder.
Am 19. November 1946 brachte ich meine Tochter Barbara zur Welt, das
sechste Kind, das in Sachsenhausen geboren wurde und das erste Mädchen.
Meine Bärbel wurde nach der Entbindung zunächst, da es keine Wäsche
gab, in gestreifte Häftlingsmäntel aus der NS-Zeit gewickelt und in
einen Korb gelegt. Nach den ersten zwei Wochen, wo mein Baby nachts von
unzähligen Wanzen und Flöhen gestochen wurde, die durch die Holzritzen
der Baracken krochen, kam ich zu den anderen Müttern in die
"Mütterstube", wo wir - sechs Mütter und sechs Kinder - nun hausten.
Für die Kinder gab es täglich früh die gleiche Grützesuppe und mittags
eine dünne Kartoffelsuppe, die auch unsere einzige Nahrung war, dazu
800 Gramm Brot. Zusätzlich bekamen wir für sechs Babys 200 Gramm Milch.
An Sonn- und Feiertagen gab es gar keine Milch, dann musste der
Grützeschleim oder ein Roggenmehlbrei genügen. Dass wir mit dieser
Nahrung auch ein Siebenmonatskind von einer Tbc-kranken Mutter
aufziehen konnten, sehe ich als ein Wunder an.
Für Babysachen und Windeln mussten wir uns Stoffreste aus der Lumpenkammer
besorgen, wo die Kleidungsstücke der im Lager Verstorbenen gestapelt
wurden. Wir tauschten bei den Männern gegen Brot - das einzige
Zahlungsmittel - aus Draht gefertigte Nähnadeln und Stricknadeln aus
Fahrradspeichen. So konnte ich für meine Bärbel ein Babyjäckchen und
-mützchen aus der begehrten Zuckersackwolle stricken, das Einzige, was
wir später aus dem Lager mit nach Hause nehmen konnten.
1948 kam dann eine große Amnestie, wo viele Leute entlassen wurden, auch
Mütter mit ihren Kindern. Meine Freundin Ilse mit ihrem Sohn Gerhard
und ich mit Bärbel waren nicht dabei, wir blieben im Lager. Dann kam
ein großer Gefangenentransport aus Bautzen, wo auch Mütter mit Kindern
dabei waren. Bald waren wir zirka 30 Mütter und 30 Kinder. Als eine
Mutter starb, das Kind aber lebte, gab man es einfach einer Mutter,
deren Kind vorher gestorben war. Sie behielt das Kind und ging mit ihm
auch in die Freiheit. Wir blieben in dieser Baracke bis zum 17. Januar
1950, bis zu unserer Entlassung. Bärbel war dreieinhalb Jahre alt. Wir
bekamen für uns und die Kinder Kleidung, damit wir nicht so "lumpig" in
die Öffentlichkeit kamen.
Auf meinem Entlassungsschein war nur mein Name vermerkt, und ich musste
heftig kämpfen um den Zusatz "mit Tochter Barbara". Nur so konnte ich
später eine Geburtsurkunde bekommen. Als Geburtsort wurde Oranienburg
angegeben, ein Sachsenhausen durfte anscheinend nicht existieren.
Ich hatte keinen Beruf, nur Abitur und vor meiner Heirat ein Jahr Praktikum
in einer Apotheke. Ich wartete zunächst in Berlin auf die Heimkehr
meines Mannes, doch er kam nicht, er war ja zu 20 Jahren verurteilt und
inzwischen schwer Tbc-krank. Mit Hilfe eines Stipendiums (120,- DM pro
Monat) und Arbeiten an den Wochenenden und in den Semesterferien konnte
ich studieren und war im letzten Semester vor dem Staatsexamen, als
mein Mann nach genau zehn Jahren amnestiert wurde.
Es war schwierig für meinen Mann, im Journalismus wieder Fuß zu fassen, er
hatte ja die ganze Nachkriegsentwicklung nicht mitmachen können. So
verdiente ich für die ganze Familie und brachte unseren Sohn zur Welt.
Meine Eltern und Schwiegereltern halfen immer irgendwie mit. Nach und
nach ging es bergauf, und obwohl uns die besten Jahre gestohlen worden
waren, sind uns noch viele arbeitsreiche, aber auch glückliche Jahre
geblieben, und die Zeit der Gefangenschaft liegt weit, sehr weit
zurück!
Bitter ist für mich nur: Unsere Familie hat zusammen siebzehneinhalb
Jahre in russischer beziehungsweise DDR-Gefangenschaft verbringen
müssen, weil ein neidischer Kollege, der dafür nie bestraft wurde,
meinen Mann als Agenten der Amerikaner denunziert hatte!